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~36~

Das hätte nicht so lang werden sollen, aber ich wollte es auch nicht cutten, also hier 2000 Worte xD

Jungkook

Ich lege den Kopf schief und nicke sachlich. "Das habe ich bereits mitgekriegt", erwidere ich auf seine Aussage, "Aber das heisst nicht, dass ich dem Glauben schenke."

Er lacht abfällig und sieht an mir vorbei. Sein Blick zeigt, dass er genervt zu sein scheint, vielleicht ist es auch einfach die Abweisung, die er mir zeigt und auf mich so genervt wirkt. Vielleicht will er mit diesem Ausdruck seine Angst und seine Trauer überspielen, die an ihm nagen, denn die Tränen kann ich ebenfalls deutlich in den dunklen Augen schimmern sehen.

"Ich glaube diesem Mädchen nicht", wiederhole ich energisch. Langsam sieht er wieder zu mir, erwidert zwar nichts auf meine Worte, aber sieht mich zumindest an. Ich fasse wieder ein kleines bisschen Mut und meine leise: "Ich will mir mein Urteil selbst bilden, Taehyung - erzähl mir, was geschehen ist."

"Du hast Schule, Jungkook", versucht der Rothaarige mich abzuwimmeln. "Das ist mir egal!", rufe ich genervt und sehe ihn auffordernd an, "Von mir aus, schwänze ich die gesamte Woche, wenn du mir endlich verrätst, was das hier alles soll!"

Der Ältere sieht mich deutlich überrascht an. Er scheint erst jetzt zu begreifen, dass mir diese Angelegenheit wirklich am Herzen liegt. "Du wirst völlig anders von mir denken", murmelt er leise und senkt den Kopf. "Das nehme ich in Kauf", gebe ich locker zurück.

Taehyung schüttelt den Kopf. "Ich aber nicht", antwortet er, "Ich möchte nicht, dass du mich hasst."

"Von hassen hat keiner gesprochen. Erzähl es mir doch erst, bevor du von Hass sprichst", verlange ich leise. Er seufzt ergeben und nickt dann langsam. "Komm, ich fahre uns nach Hause. Da ist es wohl... angenehmer so ein Thema zu besprechen", meint er leise. Ich nicke und laufe los, zu seinem Auto. Mir ist es egal, ob ich nun den Nachmittag schwänze, solange ich endlich eine Erklärung für die jetzige Situation und die Aussage, dass Taehyung ein Mörder ist, kriege.

Die Fahrt zu ihm verläuft sehr still. Anders als sonst läuft diesmal keine Musik und er sucht nicht einmal das Gespräch mit mir. Ich habe kein Bedarf zu reden, selbst wenn mir Tausend Fragen unter den Nägeln brennen - er wird sie mir Daheim beantworten. Ich möchte ihn ungern während des Fahrens damit belästigen, sonst bin ich mir sicher, wird er noch wütend und setzt mich bei mir ab, damit ich ihn nicht mehr nerve.

Als wir endlich bei ihm ankommen, schliesst er die Haustür auf und lässt mir mit einer einfachen Handbewegung den Vortritt, ehe er hinter sich die Tür wieder zu macht und ich mir im Flur die Schuhe ausziehe. Ungeduldig wartet Taehyung, bis ich fertig bin, bevor er an mir vorbei läuft und die Treppen hinauf eilt. Ich war bereits einmal hier, jedoch habe ich mich in der Nacht nicht wirklich bei ihm umgesehen. Es sieht sehr modern hier aus und sein Zimmer, dass ich nun zum zweiten Mal betrete, wirkt für einen Jungen sehr ordentlich. Lediglich ein Shirt und eine leere Tasse sind am Boden vorzufinden, was Taehyung beides aufhebt und auf dem Schreibtisch abstellt. Anschliessend lässt er sich auf das Bett fallen und seufzt tief.

Ich bleibe unsicher im Raum stehen und sehe mich dann um. Die Wände sind in einem Karibikblau gestrichen. Zuvor ist mir das gar nicht aufgefallen. Genauso wie die Wand voller Fotos, rechts von mir. Neugierig laufe ich auf diese zu und mustere die vielen Polaroidbilder, die in einer Reihe an einigen gespannten Schnüren mithilfe von kleinen Wäscheklammern hängen. Um die Schnüre würde ein kleine Lichterkette gewickelt. Fasziniert sehe ich mir die verschiedenen Sprüche, Songlyrics und Menschen auf den Fotos an, genauso wie die verschiedenen Landschaften, Sternenhimmel oder Sonnenuntergänge.

"In der Ecke steht eine kleine Kiste. Da sind noch mehr Fotos drinnen", meint der Rothaarige plötzlich halblaut. Ich drehe mich zu ihm um und sehe, wie er sich zur Seite gerollt hat und seinen Kopf in seiner Hand abstützt, mich genau mustert und mir dann ermutigend zunickt. "Bringst du sie her?", fragt er mich leise und ich nicke still, bevor ich mich zu dem Karton beuge. Die Kiste ist weiss, jedoch nicht einmal so gross, wie ein Schuhkarton. Mit ihr in den Händen, laufe ich zum Bett zurück und lasse mich darauf im Schneidersitz nieder. Taehyung tut es mir gleich und nimmt mir die Schachtel ab, welche er dann zwischen uns, auf die Matratze stellt, bevor er den Deckel wegnimmt.

Wie er schon gesagt hat, kommt ein weiterer Berg von Polaroidbildern zum Vorschein. Neugierig begutachte ich die obersten, meistens sind es wieder Sätze, Lyrics, Landschaftsbilder. Selfies oder Fotos von Freunden scheinen weniger sein Ding zu sein. Taehyung allerdings schenkt all den faszinierenden Bildern keinerlei Beachtung. Er nimmt den Stapel hinaus, bis auf einige letzte, die nun noch völlig verlassen in dem trostlosen Karton liegen und wohl vergebens darauf hoffen, jemals wieder einen Platz an der Wand zu finden. Einige der Bilder, die er aus dem Karton geholt hat, rutschen vom Bett zu Boden, doch auch dies interessiert ihn nicht, als er einige der letzten Bilder aus dem Karton kramt und diesen dann genauso zur Seite stellt, wie die anderen Polaroids.

Verwirrt mustere ich den kleinen Stapel von drei oder vier Abzügen in seiner Hand, die er mir dann wortlos reicht. Etwas ratlos und mit gerunzelter Stirn mustere ich die Motive, allesamt ist Taehyung darauf zu sehen. Manchmal in kleineren Gruppen, manchmal auch nur mit einem Mädchen, dass auf fast jedem Bild eine andere Haarfarbe hat.

Sie sieht hübsch aus, daran habe ich nichts auszusetzen, doch ihr Lächeln wirkt für mich nicht echt. Es wirkt genauso aufgesetzt, wie meines, bevor ich Taehyung kennengelernt habe. Ihre Augen strahlen Trauer aus, doch ich kann mir nicht erklären warum, da Taehyung neben ihr, damals mit dunkelbraunen Haaren, unheimlich glücklich aussieht.

"Ihr Name ist Miu", stellt Taehyung sie leise vor und deutet auf das Bild, wo er und die junge Frau alleine abgelichtet sind, im Hintergrund das Meer, während der Himmel sich bereits dunkel verfärbt, "Meine Freundin - und tot."

Er spricht diese Fakten mit einer solchen Emotionslosigkeit aus, dass es mir kalt den Rücken hinab läuft. Ich sehe wieder zum Rothaarigen auf, der auf eine Hände starrt, als er leise weiter spricht: "Sie ist hübsch nicht wahr? Sie war wohl das schönste Mädchen, dass ich jemals kennengelernt habe." Ich nicke leise. Tatsächlich ist sie eine reine Augenweide, doch nichtsdestotrotz, sieht sie unglaublich traurig aus. Nicht einmal das schönste Gesicht kann diese praktisch schreiende Verzweiflung in dieser jungen Frau vertuschen.

"Was ist mit ihr geschehen?", frage ich leise und sehe wieder auf die Bilder hinab. "Sie hat Selbstmord begangen", klärt er mich mit heiserer Stimme auf und ich runzle verwirrt die Stirn. "Wenn sie Suizid begangen hat... wie kannst du dann ihr Mörder sein?", frage ich ihn. Taehyung sieht zu mir, dann jedoch blickt er aus dem Fenster und meint leise, voller Selbsthass: "Weil ich der Grund für ihren Selbstmord war, Jungkook. Sie hat sich wegen mir getötet."

Das kann ich einfach nicht glauben. Wer will sich denn wegen Taehyung töten? Also, ich ganz bestimmt nicht.

"Erklär mir das", verlange ich leise und lehne mich ein wenig zu ihm hin. Er seufzt wieder und starrt nun die Bettdecke an, an welcher er auch herumzupft. "Weisst du, ich kannte Miu seid der Mittelstufe. Und seit der Oberstufe war ich in sie verliebt. Wir waren wohl sowas wie das Traumpaar der Schule. Monatelang lief alles gut zwischen uns, aber plötzlich hat sie sich verändert. Das Erste, was mir aufgefallen ist, war, dass sie ihre Haare nicht mehr gefärbt hat. Dann ging es aber erst so richtig los." Er macht eine kleine Pause, scheint seine Gedanken zu ordnen und fährt dann fort: "Ich weiss nicht, was sie genau hatte, das hat mir nie jemand erzählt. Was ich mitgekriegt habe ist: Sie wurde paranoid, hatte Verlustängste, Schlafstörungen und Depressionen."

"Was hat das alles mit dir zutun?", will ich wissen. Das ist ja alles schön und gut, aber ich verstehe oder sehe den Zusammenhang mit Tae nicht. Mit schief gelegtem Kopf schaue ich den Älteren wieder an, der mir einen kurzen Blick schenkt. "Ich kann nicht sagen, wie viel stimmt oder nicht, dafür müsste ich sie fragen, aber das kann ich leider nicht. Aber mir sagte sie immer nur, sie sei krank. Ich dachte immer, es handelt sich bei ihrer Krankheit um die Depressionen, die sie hatte. Dabei war es das nicht. Sie war krank vor Liebe, Jungkook. Sie war krank dank mir." Er lacht leise, voller Unglaube und legt den Kopf in den Nacken. Lange starrt er die weisse Decke über uns an, bevor er wieder meinen Blick sucht und leise weiter spricht.

"Es fing damit an, dass sie extrem eifersüchtig wurde - sie hatte ständig Angst, dass ich mir jemand besseren suchen würde. Jedes Mädchen, mit dem ich gesprochen habe oder das mich angesehen hat, hätte sie wohl liebend gerne verschwinden lassen. Das ganze hat sich soweit gesteigert, bis es zu Verlustängsten geführt hat. Ihr Angst, mich zu verlieren, wurde so gross, dass es sie beherrscht hat. Sie dachte, nicht mehr gut genug für mich zu sein und verliess ohne Make-up nicht mehr das Haus, obwohl sie nur Wochen zuvor sogar ungeschminkt zur Schule kam.

Durch die Selbstzweifel kamen die Depressionen. Erst war es anscheinend nur, sich nicht gut genug zu fühlen, an sich zu zweifeln, doch daraus wurde mehr und mehr, bis es soweit ging, dass sie zum ersten Mal sterben wollte. Mit den Depressionen kamen die Schlafstörungen und schliesslich auch die Paraonia."

Ich schlucke leer. Denkt er das einfach oder ist es das, was wirklich so stimmt? Dieses Mädchen kann doch unmöglich solche Probleme mit sich selbst gehabt haben, oder? "Ich dachte wirklich, es sind Depressionen. Ich wusste nicht, dass ich der Auslöser war. Sie hat es mir niemals gesagt. Es war immer nur ihre Krankheit - doch bei allen anderen, vor allem ihrer besten Freundin, Sowon, sagte sie, dass ich der Grund war. Zumindest haben sie das erzählt. Aber selbst wenn ich es gewusst hätte, was hätte ich tun sollen?" Wieder lacht er auf und sieht mich fragend an.

"Ich meine, es wäre nichts gewesen, was in Frage gekommen wäre. Mit ihr Schluss machen, wäre ihre schlimmsten Erwartungen zu erfüllen. Mit ihr zusammen zu bleiben würde sie nur weiter quälen."

"Was hast du getan?", frage ich unsicher und greife wieder nach den Bildern, die in meinem Schoss gelegen sind. Tae seufzt. "Nichts. Ich wusste nicht, dass es ich bin, der sie so fertig macht, natürlich habe ich nichts getan - und genau das ist, was man mir nur ankreidet. Sie sagen, ich hätte es bemerken müssen. Ja, vielleicht hätte ich es bemerken müssen. Aber ich habe es nicht und es ändert sich nichts mehr an der Tatsache, dass sie sich vor meinen Augen vom Schuldach hat fallen lassen."

Ich halte die Luft an und starre den Rothaarigen an, der langsam den Blick wieder von der Bettdecke hebt. Verzweifelt sieht er zu mir. "Jungkook, bin ich deswegen wirklich ein Mörder?", fragt er mit brüchiger Stimme, "Ich bin nicht perfekt, ich habe es nicht bemerkt und ja, verdammt, das bereue ich. Aber ich wollte ihr helfen und ich dachte, ich konnte ihr auch irgendwie helfen - macht es mich zu einem Mörder?"

Langsam schüttle ich den Kopf, bevor ich Taehyung die Bilder wieder reiche. "Auf keinen Fall", meine ich halblaut und nehme seine freie Hand in meine, "Lass dir das nicht einreden, Tae. Du bist nicht Schuld, nicht das geringste Bisschen. Du kannst nichts für ihre Ängste und Gedanken. Denn das alleine sind ihre Mörder - ihre Gedanken und ihre Ängste haben sie getötet. Sie hat sich selbst umgebracht. Du bist nicht schuld daran."

"Ich fühle mich trotzdem schuldig", seufzt er leise. "Du hast sie sehr geliebt, oder?", stelle ich leise fest und lächle ein kleines bisschen. Er nickt zaghaft. "Tust du das denn heute noch?", will ich neugierig wissen.

Tae sieht mich kurz an, dann blickt er auf die Polaroids in seiner Hand. Anschliessend setzt er sich aufrecht hin und hält die Bilder ein bisschen von seinem Körper weg. "Nein", sagt er und zerreisst die wohl einzigen, verbliebenen Bilder mit seiner Freundin.

Er zerkleinert die Bilder, bis lediglich nicht mehr zusammenfügbare Schnipsel vorhanden sind, die er langsam auf die Bettdecke fallen lässt, zwischen uns. Wieder sieht er mich an, diesmal jedoch meine ich Erleichterung in seinem Blick zu erkennen, als er zu seiner Antwort auch noch den Kopf schüttelt.

Tatsächlich beginnt er zu lächeln und sagt dann: "Ich habe jemanden gefunden, der dafür gesorgt hat, dass ich sie vergessen konnte."

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