Prolog
„Also, was genau machst du?"
„Lackieren, bemalen. Wände, Dächer, Böden, was sie wollen. Ich kann auch gerne ein Portrait von ihnen anfertigen wenn sie das wollen."
„Danke, aber kein Interesse."
Der junge Mann drehte sich um und ging. Sabine seufzte. So lief es bereits seit Tagen. Kaum jemand hatte etwas für ihre Kunst übrig, und ihr ging langsam sowohl Geld als auch Enthusiasmus aus. Und um das ganze noch besser zu machen begannen im selben Moment die Wolken zu poltern.
„Oh, fantastisch! Selbst das Wetter hier auf Mandalore mag mich nicht mehr... Und in einem Gewitter verkaufe ich garantiert nichts.", stöhnte die Teenagerin und begann, ihr Zeug zusammen zu sammeln.
Als sie damit fertig war, beeilte sie sich in die mehr oder weniger trockene Straßenecke zu kommen, die sie seit knapp vier Wochen ihr Zuhause nannte. Dort versteckte sie auch die kleine Tasche mit persönlichem Kram die sie noch besaß, weil sie sich keinen Raum leisten konnte in dem sie hätte bleiben können. Sie hatte sich schon nach Jobs umgehört, aber die wenigsten wollten eine vierzehnjährige Schulabbrecherin einstellen, und die, die es doch tuen würden – einfach gesagt, Sabine hatte eigentlich nicht vor, Drogen zu dealen – oder ihre Auswirkungen an sich selbst testen zu lassen. Jetzt verkaufte sie in sicherer Entfernung von der Akademie ihre Kunst und, um ehrlich zu sein, war damit nicht besonders erfolgreich. Ihr maues Einkommen lag bei etwa fünf Credits – an den guten Tagen. Sie kramte ihre Tasche aus dem Versteck heraus und steckte die zwei Credits hinein, die ihr irgendein Junge zugesteckt hatte, der wohl Mitleid mit ihr gehabt hatte. Die paar Credits, die sie noch besaß, stammten von dem einen Auftrag, den sie mit Ketsu erfolgreich abgeschlossen hatte-bevor diese beim zweiten beschlossen hatte, dass sie allein mehr Gewinn einstrich und Sabine zurückgelassen und den Behörden überlassen hatte. Fast grenzte es an ein Wunder, dass sie da lebend wieder rausgekommen war. Es waren mal zweihundert Credits gewesen. Jetzt waren es vielleicht noch fünfunddreißig, wenn man ihr lasches Einkommen dazu rechnete. Seufzend sank die Mandalorianerin auf den Boden und zog die wenigen Dinge aus dem Stoffbeutel heraus, auf die sie sich in ihrem Leben immer hatte verlassen können. Ihren kleinen Glücksbringer, und dieses kindische Tooka aus Plüsch, dass ihre Eltern ihr zu ihrem zehnten Geburtstag geschenkt hatten. Sie wäre sich bescheuert vorgekommen, es noch zu besitzen, wäre da nicht die Tatsache gewesen, dass es das letzte Geschenk ihrer Eltern gewesen war, bevor sie – Sabine scheuchte den Gedanken fort. Damals war sie allein gewesen, verängstigt. Und dann hatte sie Ketsu kennengelernt, und ihr zumindest Tristan an ihre Seite gestellt. Ach ja, Tristan... Sie waren zusammen aufgewachsen. Er war der Einzige, dem sie wirklich vertraute. Sie hatten Jahre lang Seite an Seite trainiert. Er hatte sie ausgebildet, hatte schon so viel mehr von ihren Eltern gelernt, als sie – wieder blendete sie die Erinnerung aus, und versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten. Verdammt, sie vermisste ihre Eltern. Tristan war das einzige bisschen Familie, was sie noch hatte – auch wenn sie nicht wirklich verwandt waren, weil er nur adoptiert war. Aber das spielte in der mandalorianischen Kultur keine Rolle. Familie wurde nicht bestimmt durch Blut. Und ihre Verwandtschaft durch Adoption war nicht weniger wert. Sie liebte ihn als ihren großen Bruder, und als guten Freund, genau so, wie sie einen Bruder geliebt hätte, der auch genetisch von ihren Eltern abstammte. Sie vertraute ihm. Er hatte ihr so vieles beigebracht, damit sie auf sich selbst aufpassen konnte. Hatte ihr Techniken zur Selbstverteidigung gezeigt, für die sie nicht mal Waffen brauchte – auch wenn sie dennoch mehr als dankbar für die zwei Blaster war, die an ihrem Gürtel baumelten. War für sie da gewesen wenn niemand sonst es war. Hatte ihr aufgeholfen, wann immer sie gefallen war, und ihr beigebracht, eben dadurch stärker zu werden. Und er war auf der Akademie geblieben, um ihr Verschwinden zu vertuschen, damit man nicht nach ihr suchte. Ohne seine Hilfe wären sie und Ketsu wohl kaum dort weggekommen. Für das alles war sie ihm zwar sehr dankbar, aber lieber hätte sie ihn jetzt an seiner Seite gewusst. Er hätte genau gewusst, was jetzt zu tuen war.
Das Klicken eines Blasters riss sie aus ihren Gedanken.
„Aufstehen, ganz langsam." Schnell ließ Sabine ihre persönlichen Gegenstände in der Tasche verschwinden. „Sehr gut.", grinste ihr Gegenüber. „Und jetzt gib mir das."
Er drückte ihr den Blaster gegen die Schläfe.
„Bitte, ich habe nichts, was für euch von irgendeinem Wert sein könnte!", bettelte sie.
Hätte er gewusst, dass sie die Hilflose spielte, er wäre gerannt, solange er noch konnte.
„Na das werden wir ja sehen.", gab er zurück und versuchte, ihr dem Stoffbeutel aus der Hand zu reißen.
„Das war ein Fehler.", knurrte sie. Keine zwei Sekunden später lag er am Boden und schaute in dem Lauf seines eigenen Blasters. „Sag gute Nacht."
Sie betäubte ihn, dann steckte sie seine Waffe in ihre Tasche. Endlich mal etwas, für das man wirklich Geld bekommen konnte. Eigentlich bestahl sie niemanden, aber er war derjenige gewesen, der sie angegriffen hatte, also beschloss sie, eine Ausnahme zu machen. Dass sie jetzt besser rennen sollte, bevor eine Patrouille der Imps sie erwischte, war ihr allerdings auch klar, auch wenn das bedeutete, ein Stück durch den Regen laufen zu müssen-ohne zu wissen, wohin genau. Und genau das tat sie. Aber sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie Jemand beobachtete.
Sie zückte ihre Blaster.
„Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?", rief sie schließlich nach einer Weile in den leeren Hof hinein, in dem sie nun stand.
„Bitte, ich bin zweiundzwanzig. Kein Grund so förmlich zu sein.", antwortete eine Stimme aus der Dunkelheit.
Es dauerte einen Moment, dann trat eine Gestalt aus dem Schatten hervor. Eine Twi'lek. Sie lächelte Sabine so freundlich an, dass diese sofort misstrauisch wurde.
„Also gut. Was willst du?", harkte Sabine erneut nach, aber die Frau kam auf sie zu, ohne anzuhalten.
„Ist mit dir alles in Ordnung? Ich glaube ein junges Mädchen wie du sollte sich um diese Uhrzeit nicht mehr allein auf der Straße herumtreiben, schon gar nicht bei dem Wetter. Wo sind deine Eltern?", erkundigte sie sich.
Beinahe klang ihre Stimme richtig besorgt. Sabine zuckte zusammen und biss sich auf die Lippe. Sie hatte nicht vor zu weinen, schon gar nicht vor einer komplett Fremden.
„Ich habe keine Eltern."
Die Stimme der Mandalorianerin war kalt wie Eis. Ihr Gegenüber senkte den Kopf. Das Lächeln war verschwunden.
„Das tut mir leid."
„Sie sind schon seit einer ganzen Weile fort. Ich werde schon irgendwann drüber wegkommen. Aber ich würde mich wesentlich wohler fühlen, wenn du mir endlich sagen würdest, was du von mir willst."
Die Blaster waren immer noch in ihrer Hand, aber die junge Frau, die vor ihr stand, hatte etwas an sich, dass Sabine fast sympathisch fand.
„Deine Rüstung. Hast du sie selbst bemalt?"
„Habe ich. Warum fragst du?"
„Weil... na ja... du solltest während diesem Sturm nicht auf der Straße bleiben müssen. Und ich habe vielleicht einen Job für.dich."
Sabines Gesicht hellte sich auf, als sie das hörte, aber sie war zu misstrauisch um einfach anzunehmen.
„Danke, aber nein danke. Ich habe genug Filme gesehen um zu wissen wie so etwas endet."
Die Twi'lek warf ihr einen amüsierten Blick zu.
„Keine Sorge, ich hab nicht vor dich zu kidnappen. Ich möchte dir nur für eine Nacht einen Platz zum schlafen anbieten. Hier wirst du noch klatschnass. Und ich glaube mein Schiff konnte etwas Farbe gebrauchen. Das wäre doch von Vorteil für uns Beide, meinst du nicht?"
„Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber die Antwort lautet immer noch nein."
Die Frau schenkte ihr ein schmales Lächeln.
„Ich verstehe. Das ist zu schade. Dann, auf Wiedersehen, schätze ich."
Dann verschwand sie um eine Ecke. Sabine biss sich auf die Lippe. Im selben Moment, als sie die Twi'lek zurückgewiesen hatte, bekam sie das Gefühl, einen riesigen Fehler begangen zu haben. Immerhin war sie die erste gewesen, die sie tatsächlich wie eine Person behandelt hatte, seit sie auf der Straße lebte. Und sie hatte ihr auch ihr erstes richtiges Jobangebot gegeben.
„Haar'chak, ich muss verrückt sein.", murmelte sie, dann lief sie in die Richtung, in die die Twi'lek verschwunden war. „Warte!"
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