▪37▪
Jungkook Pov
"Jungkook", ertönt die kratzige Stimme meines Vaters aus dem Musikzimmer, das eben noch mit den wunderschönen Klängen des Flügels erfüllt war.
Das hier ist mein liebster Raum im gesamten Haus. Hier stehen so viele Instrumente, das kein Musiker der Welt etwas vermissen würde. Es ist mein Rückzugsort, hier sucht mich niemand.
Zumindest dann, wenn er nicht da ist.
"Jungkook!"
Ich zucke zusammen, als er erneut nach mir ruft, lauter, kräftiger und mit deutlich mehr Ungeduld in seiner Stimme als das Mal davor.
Sofort eile ich in den von mir geliebten Raum und sehe ihn am Klavier sitzen. Die Noten von dem neuen Lied, das er wahrscheinlich probt sind auf dem ganzen Boden verteilt.
Es sieht aus wie ein Schlachtfeld. Die Noten sind auf das Papier gekritzelt worden, statt in ordentlicher Schrift festgehalten und ich bin mir sicher, dass es wieder eines seiner düsteren Lieder wird, eines wo er all seinen Zorn hinein stecken kann.
"Möchtest du mir etwas sagen?", fragt er während sich das dunkle Braun seiner Augen in ein tiefes Schwarz verwandelt, das mir verrät was mit mir geschehen wird, noch bevor er es überhaupt ausspricht.
Ich weiß, was er von mir will, aber ich kann nicht antworten. Alles was ich tun kann, ist meine Hände vor meinem Körper ineinander verschränken und den Blick senken.
"Verdammt!" Ich zucke zusammen als er mit der Faust auf die Tasten des Flügels haut und dem sonst so lieblichen Instrument einen schrecklichen Ton entlockt. "Lügst du immer noch?"
Er springt auf und wirft dabei den Hocker um, auf dem er bis eben gesessen hat. Sofort hebe ich abwehrend die Arme vor mein Gesicht und stolpere über meine eigenen Beine als ich versuche rückwärts auszuweichen.
"Du weißt, was passiert wenn du nicht hörst", sagt er und reißt mich an meinem Oberarm wieder auf die Beine. Obwohl ich weiß, dass es nur noch mehr Schmerzen bedeutet wenn ich versuche mich zu wehren, stemme ich mich mit meinem ganzen Gewicht, das ein elf jähriger Junge eben besitzt, gegen sein zerren.
"Bitte nicht", flehe ich und bohre meine Fingernägel in seine Hand.
Er flucht wie wild und lässt mich los. Unsanft lande ich auf dem Boden, gehe aber sofort in die Knie und lege meine Stirn auf meine Hände, die ich ebenfalls auf den Boden gelegt habe.
"Bitte nicht." Mein flehen mischt sich unter mein winseln, aber statt mich so von ihm erniedrigen zu lassen, hätte ich wissen sollen, das alles Flehen der Welt nichts bringt.
"Steh auf!"
Vor Schreck höre ich auf zu Weinen. Ich vergesse was es heißt sich zu bewegen, geschweige denn zu Atmen. Die Angst sitzt mir in den Knochen, Angst vor ihm und dem, was jedes mal darauf folgt, wenn ich ihm widerspreche.
Genau wie vorhin spüre ich auch jetzt wieder seinen festen Griff um meinen Oberarm. Ich versuche mich weiter zu wehren, stemme mich gegen ihn und versuche ihn irgendwie zu verletzen, aber es bringt nichts.
Ich kann nichts weiter tun, als zusehen wie er mich immer weiter durch das Haus die Treppen nach unten schleift, immer tiefer. Meine Schreie und meine verzweifelten Bitten werden ignoriert, von ihm und von jedem Angestellten den wir auf dem weg begegnen.
Aber am meisten schmerzt mich ihr Verrat. Heute steht sie direkt an der Treppe, die hinunter zur Tür führt und sieht mich mit Mitleid in ihren müden Augen an. Hoffnung breitet sich in mir aus. Vielleicht hilft mir der einzige Mensch, von dem ich noch Liebe bekomme, aber Hoffnung ist nichts weiter als ein Gefühl, das dazu da ist um dir genommen zu werden.
Sie wartet nicht einmal bis er sie auffordert. Stumm senkt sie den Kopf und lässt es zu, dass er mich die letzten Stufen hinunter zerrt, bevor er die schwere Metalltür aufreißt und mich hinein wirft.
"Nein!", schreie ich, aber da schließt er sie bereits hinter mir und ich kann nichts anderes tun als zu sehen, wie das letzte bisschen Licht verschwindet, als die Tür hinter mir ins Schloss fällt und ich wieder im Meer der Dunkelheit ertrinke.
"Ich bin hier", höre ich jemanden sagen und spüre zwei feste Arme um meinen plötzlich so klein wirkenden Körper. Die Kälte ist weg und ich verspüre auch sonst keine Angst, während mir jemand über den Kopf streicht und eine beruhigende Melodie summt.
"Bist du wach?", fragt er und presst seine Lippen sanft auf meinen Kopf.
Ich nicke und lehne meine Stirn mit geschlossenen Augen gegen seine Brust. Er ist warm, er riecht gut und seine Stimme ist so samtweich. Es ist das genaue Gegenteil zu der Situation von damals. Das hier ist nicht der dunkle Raum von damals, das hier ist mein Zimmer und ich bin nicht länger alleine. Taehyung ist bei mir.
"Tae", flüstere ich kraftlos seinen Namen und schlinge die Arme um ihn.
"Hm?"
Kann man sich in die Stimme von jemandem verlieben? Wenn ja, dann bin ich schon lange hin und weg von seiner. Egal wie mies es mir geht, egal wie schrecklich eine Situation für mich war, ein Wort, ja nur sein Lachen reicht um mich wieder an all die schönen Dinge denken zu lassen.
Und das schönste ist nun mal er.
"Du lässt mich nicht alleine, nicht wahr?"
Ich schlinge die Beine um seine und presse meine Lippen auf seinen Hals. Er spannt sich kurz an, aber nachdem er sich daran gewöhnt hat entspannt er sich wieder.
"Wo sollte ich denn sonst hin?", fragt er halb als Witz und lacht tröstend, aber diese Antwort reicht mir nicht.
"Nein, Taehyung, ich meine es ernst. Bitte lass mich nicht alleine. Geh nicht."
Ich löse meinen Griff ein wenig um nach hinten zu rutschen und ihm in die Augen sehen zu können, aber mit dem, was ich da sehe, habe ich tatsächlich nicht gerechnet.
Womit ich gerechnet habe, war ein müder, vielleicht sogar genervter Tae, der nichts lieber möchte als seinen Schlaf, aber was ich zu sehen bekomme, bringt mein Herz wieder zum Rasen.
Da ist Sorge. Es ist kein Mitleid, wie das was ich damals von ihr bekommen habe, nein. Das hier ist tiefe und aufrichtige Sorge.
"Ich lasse dich nicht im Stich, das schwöre ich", sagt er und legt mir eine Hand auf die Wange.
Liebe.
Jimin sagte, ich sei in ihn verliebt, das mein Herz nur in seiner Nähe verrückt spielen würde und verdammt, er hatte recht.
Es ist nichts medizinisches, keine Krankheit oder ein Herzfehler, das ist ganz alleine Taehyungs Schuld.
Bạn đang đọc truyện trên: Truyen4U.Com