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Taehyung pov

Es ist still, viel zu still. Jimins Wohnung ist vielleicht größer, als die von Jungkook, aber dafür fühlt man sich hier drin auch einsamer.

Jimin arbeitet mindestens genau so oft wie Jungkook im Krankenhaus und wenn ich alleine bin, passiert immer das, wovor ich mich am meisten fürchte. Dir Stimmen werden mit jedem Tag lauter und mittlerweile glaube ich nicht mal mehr, dass es irgendeine Krankheit ist, die mich sie hören lässt.

Ich denke auch nicht mehr, dass es Dämonen sind die mich plagen, es ist etwas noch viel schlimmeres als das, etwas was man nicht loswerden und ausschalten kann. 

Ich denke es ist mein Gewissen.

Da ist ein Teil in mir, der weiß das ich irgendetwas schlimmes getan habe, irgendetwas, was mich mein Gewissen nicht vergessen lassen will und genau deswegen sehe ich immer diese einzelnen Bilder vor mir.

So viel Blut, so viele tote Menschen und die Waffe in meiner Hand. Jimin sagte mir, dass die Polizei vor zwei Wochen im Krankenhaus war und das sie mit Jungkook über mich reden wollten. Er selber war bei dem Gespräch nicht dabei und egal wie sehr er es auch versucht hat, Kookie wollte nicht verraten um was es im Gespräch geht. Aber ich kann es mir denken.

Meine Erinnerungen sind vielleicht Weg, aber das heißt nicht das ich verblödet bin, ich bin immer noch in der Lage eins und eins zusammen zu zählen.

Ich muss diese Menschen getötet haben und wenn die Polizei tatsächlich das Videomaterial aus dem Krankenhaus hat, was Jimin mir so erzählt hat, dann müssen sie jetzt erst Recht auf der Suche nach mir sein.

Was soll ich tun? Jimin weiß was ich gesehen habe und obwohl ich erwartet hätte, das er mich sofort der Polizei ausliefert wenn er erfährt was ich in meinen Erinnerungen getan habe, hat er mir gesagt das ich hier bleiben kann bis sich das ganze aufgeklärt hat.

Ich möchte seine Gutmütigkeit nicht ausnutzen, er kriegt einen riesen Ärger wenn heraus kommt das er einen von der Polizei gesuchten Verbrecher beherbergt hat. Aber ich kann mich nicht stellen, wenn ich nicht weiß was passiert ist.

"Alles in Ordnung mit dir, Taehyung?"

Ich sehe hinauf zu Jimin, der sein Besteck zur Seite gepackt hat.
In den letzten Wochen und Monaten ist er eine wichtige Bezugsperson für mich geworden, neben Hoseok und Namjoon vielleicht sogar mein einziger und wichtigster Freund, aber ich kann es ihm nicht sagen.


Ich weiß, wie viele Sorgen er sich macht, weil Yoongi nur noch für zwei weitere Wochen wegen eines wichtigen Falles außerhalb der Stadt ist und er nicht weiß, was wir wegen mir danach machen sollen, da kann ich ihm nicht auch noch meine Probleme auf die Nase binden.

"Alles ok. Ich bin nur einwenig Müde."

"Das bist du in letzter Zeit oft." Er verschränkt seine Hände ineinander und schenkt mir diesen typischen 'Ich bin besorgt, also bitte rede mit mir' Blick, der bei ihm eigentlich Standart ist.

"Ich weiß, aber ich kann nicht schlafen."

Mit Mühe weiche ich seinem Blick aus und stochere mit meinen Essstäbchen im Essen herum. Was soll ich auch sagen? Das es mich fertig macht nicht zu wissen, was ich getan habe, warum ich das alles vergessen musste und warum das, was Jungkook getan hat so weh tut?

Nein. Ich rede gerne mit Jimin, weil ich das Gefühl habe er interessiert sich wirklich für mich und das er es versteht, aber nicht jetzt.

"Wenn du nicht reden willst, ist das in Ordnung. Darf ich dir was erzählen?"

"Du brauchst nicht fragen."

Hunger hatte ich von Anfang an nicht, aber Jimin besteht immer darauf das ich mich zu ihm setze, weil er weiß, wenn ich essen sehe, greife ich auch zu. Aber nicht heute.

Ich lege die Stäbchen beiseite und verschränke die Arme vor der Brust. Jimin lächelt traurig, was mich bereits ahnen lässt, dass das keine fröhliche Geschichte wird, aber das ist auch besser so.

Auf glückliche Geschichten habe ich keine Lust.

"Ich möchte nicht sagen, dass es das rechtfertigt, was er getan hat, aber ich möchte trotzdem, dass du diese Geschichte hörst."

"Warte. Möchtest du mit mir über Jungkook reden?"

Wenn ich zwischen einer glücklichen Geschichte, wo alles perfekt läuft und alles ein gutes Ende nimmt und zwischen einer über Jungkook wählen müsste, dann würde ich die erste nehmen, denn die würde mich nur halb so oft zum Kotzen bringen.

"Hör es dir an, bitte." Er fängt an mit den vielen Ringen an seinen Fingern zu spielen und zu erzählen, ohne mich dabei anzusehen. "Ich kannte Jungkook nicht zu dieser Zeit, aber ich durfte mir seine Krankenakte durchlesen."

"Seine Krankenakte?", frage ich verwirrt und springe beinahe von meinem Stuhl auf, setze mich aber wieder hin, als er mir Zeichen dafür gibt.

"Dazu komme ich später."

Langsam lasse ich mich zurück in meinen Stuhl sinken und rühre mich nicht mehr, damit er endlich weiter redet. Ich muss wissen, was mit ihm passiert ist. 

"Jungkooks Vater war ein Filmkomponist, einer der bekanntesten überhaupt. Seine Mutter war weniger bekannt, aber auch eine ziemlich erfolgreiche Opernsängerin. Sein Vater wollte Jungkook bereits als er klein war an die Musik heran führen, aber das einzige was er konnte war Singen. Sein Vater wollte allerdings mehr, er wollte das Jungkook in Orchestern spielt und später mindestens genau so bekannt wird wie er. Er konnte nicht akzeptieren, dass man Talent nicht erzwingen kann und das Jungkooks stärken in anderen Sachen liegen. Er war so besessen von der Idee aus seinem Sohn eine jüngere, eine bessere Version von sich selber zu machen, dass er alles tat um das zu erreichen. Ablenkungen waren tabu.

Nach der schule musste Jungkook immer direkt nach Hause, ihm war es nicht erlaubt etwas mit Kindern im gleichen Alter zu unternehmen, wenn er seine Hausaufgaben erledigt hatte, musste er immer eines der vielen Musikinstrumente spielen, die sein Vater besaß. Wenn er doch zu spät nach Hause kam oder sich mit anderen Kindern unterhielt, gab es Konsequenzen für ihn, aber am schlimmsten war seine Strafe, wenn er einen Fehler während seiner Übungen machte.

Sein Vater verstand nicht, dass Jungkook nur ein Kind war, dass er Fehler machte um daraus zu lernen, er sah es als Jungkooks eigenen Fehler, weil er sich nicht genug auf das Instrument konzentrierte und sich ablenken ließ, also kreierte er in seinen Augen eine Möglichkeit um Jungkook alle nutzlosen Gedanken aus dem Kopf zu treiben. Er wollte den Jungen brechen.

Jungkook verbrachte die meiste Zeit seiner Kindheit im dunklen Keller des Hauses und wenn ich sage dunkel, dann meine ich dunkel. Es gab keinerlei Lichtquellen, sein Vater ließ jeden Schlitz, jedes Loch stopfen, damit sein Sohn ganz alleine war um über seine Fehler nachzudenken. Es vergingen Minuten, Stunden und manchmal sogar ein ganzer Tag bis er da raus geholt wurde.

Seine Mutter war die einzige Person, von der er Liebe bekam. Er liebte ihre Stimme, sie war das einzige was ihn beruhigte wenn sie ihm durch die Tür in der Dunkelheit etwas vorsang. Er verstand nicht, warum sie sich das gefallen ließ, aber er konfrontierte sie nie mit den Fragen, die ihr Verhalten auf warf. Alles was er tat, war ihre Stimme zu genieße. Bis auch diese verschwand."

Jimin schweigt und lässt mir damit kurz Zeit über alles, was er soeben gesagt hat nachzudenken.

War es das, wovon Jungkook manchmal geträumt hatte? Hat er ständig diesen dunklen Raum vor sich gesehen, in dem sein Vater ihn alleine ließ und in dem das einzige Licht, was zu ihm drang die Stimme seiner Mutter war?

Jetzt verstehe ich ihn auch ein wenig besser. Nicht das, was er getan hat, sondern die Art und Weise wie er ist. Die Unfähigkeit seine Gefühle auszudrücken. Ich bin kein Arzt, aber Jungkook muss diese kühle Maske als eine Art Schutz entwickelt haben. Als Schutz vor seinem Vater und jedem anderen Menschen, der ihm auf diese Weise weh tun könnte.

"Was ist mit seiner Mutter geschehen?", frage ich um noch mal auf seinen letzten Satz einzugehen.

"Als Jungkook von der Schule kam, war der Krankenwagen bereits vor der Tür und er sah gerade noch, wie sie jemanden in einem blauen Sack in den Krankenwagen schoben. Später erfuhr er, dass es seine Mutter war. Sie hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten."

Jetzt wurde mir tatsächlich schlecht, aber nicht aus dem Grund, den ich erwartet habe. Mit wird schlecht, weil ich mir vorstellen muss, wie Jungkook dem Wagen völlig ahnungslos hinterher gestarrt hat, während sie seine tote Mutter abtransportierten.

"Sein Vater machte wie gewohnt weiter, bis Jungkook in ein Alter kam, in dem er anfing sich zu wehren. Zum ersten Mal fand er Freunde."

"Jiyu und Sungho", sage ich, jetzt wo mir ein Licht aufgeht. Der Grund, warum die beiden so wichtig für ihn waren, das alles wird jetzt für mich verständlicher.

"Wusstest du, das auch Jiyu einen Selbstmordversuch hinter sich hat?", fragt er mich und lehnt sich über den Tisch um mir besser in die Augen sehen zu können.

Stumm schüttle ich den Kopf. Ich weiß gar nicht was ich sagen oder was ich überhaupt denken soll.

"Er fand sie in ihrem Badezimmer, als er das Wasser laufen hörte und er rettete sie in letzter Sekunde."

Jimin streicht sich durch die Haare. Es scheint, als hätte es auch ihn aufgewühlt diese ganze Geschichte zu erzählen.

"Ich möchte seine Handlungen nicht entschuldigen, aber ich glaube das ist der Grund, warum er mit Jiyu... Na ja, warum er mit ihr geschlafen hat. Sie wäre beinahe auf fast genau die gleiche Art gestorben, wie seine Mutter und weil er diese nicht retten konnte, fühlt er sich verantwortlich für Jiyu. Er denkt er schuldet das seiner Mutter."

Als hätte das Handy nur darauf gewartet, das Jimin die Geschichte beendet, fängt es jetzt an zu klingeln und zerstört diese merkwürdig ernste Stimmung, die sich bei einem Normalen essen wie diesem entwickelt hat.

Er schenkt mir ein entschuldigendes Lächeln bevor er aufsteht und den Anruf draußen entgegen nimmt.

Als er wieder kommt, wirkt er etwas verwirrt, aber er setzt sich nicht einfach wieder hin, sondern sieht mich an und zeigt auf sein Handy.

"Das war Jungkook. Er möchte, das wir zu ihm gehen."

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