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Taehyung Pov
Jungkook möchte sich sofort wieder auf den Boden werfen, als wir meine Wohnung betreten, aber irgendwie schaffen ich es ihn bis aufs Sofa in meinem Wohnzimmer zu schleppen, wo er dann auch endgültig zusammen sackt.
Er hat keine anderen Sorgen als die Müdigkeit und morgen früh wahrscheinlich auch den Kater, der seinen Körper beherrschen wird. Ich allerdings habe da durchaus mehr. Zuerst knöpfe ich mein Hemd auf und werfe es in den Wäschekorb im Bad.
Ich bin ihm nicht böse wegen der Aktion vorhin, aber so sehr ich es auch versuche, ich kann leider nichts gutes an der Tatsache finden, dass er mich voll gekotzt hat.
Noch während ich mich vom Rest meiner Klamotten befreie, drehe ich den Wasserhahn auf und atme erleichtert aus, als das heiße Wasser auf meine Kopfhaut prasselt. Sofort schnappe ich mir das Shampoo und verteile es in meinen Haaren und auf meinem Körper.
Gerade noch hat mich das Gefühl von Ekel beherrscht, aber kaum muss ich an sein Gesicht denken und den Ausdruck, den er drauf hatte, lache ich auch schon wieder los. Ich lache so stark, wie ich seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr gelacht habe und ich kann nicht mehr aufhören, selbst als ich das Wasser zu drehe und aus der Dusche steige.
×××××
Ich schlage die Decke beiseite und klettere aus dem viel zu großen Bett, als ich auch um 7:00 nicht eingeschlafen bin. Die Nacht war ein einziges durcheinander meiner Gedanken, die keine Sekunde lang ruhe geben wollten und jedes mal wenn ich dachte, dass ich endlich müde genug war um einzuschlafen, fiel mir wieder Jungkook ein, der auf der Couch lag.
Eigentlich wollte ich ihn einfach so liegen lassen. Es war seine eigene Schuld, dass er nicht mehr imstande war richtig zu denken, immerhin war es seine Entscheidung gewesen sich zu betrinken. Er konnte sich überhaupt glücklich schätzen, dass ich ihn mitgebracht und nicht einfach habe liegen lassen.
Das waren zumindest meine Gedanken am Anfang. Ich dachte, er hätte es verdient ohne eine Decke zu schlafen, in einem Raum wo die Heizungen ausgeschaltet sind, aber mit jeder Stunde verschwanden mehr und mehr von diesen Gedanken.
Nur eine Stunde später schaltete ich die Heizungen für ihn an. Eine weitere Stunde später deckte ich ihn zu und zwei darauf stellte ich ihm sogar ein Glas Wasser auf den Tisch neben der Couch. Egal wie sehr ich es auch versuchte, ich konnte ihn nicht einfach alleine lassen.
Jetzt tapse ich erneut auf Zehenspitzen durch meine offen stehende Zimmertür, über den Flur zum Wohnzimmer. Dank der zugezogenen, dunklen Gardinen hier dringt kaum Licht hinein, es wirkt immer noch so, als wäre es mitten in der Nacht.
Ich gehe neben ihm in die Hocke und stützte mein Gesicht in meinen Händen ab, während ich seines genau betrachte. Man könnte meinen, in den acht Monaten, die ich ihn nicht gesehen habe, könnte ich einiges vergessen haben, aber das ist überhaupt nicht der Fall.
Ich könnte sein Gesicht nicht einmal vergessen, wenn ich erblinden würde, so sehr hat es sich in mein Gedächtnis geprägt. Seine Stimme würde immer in meinen Ohren wieder hallen, selbst wenn ich irgendwann taub wäre und ich würde seinen Geruch selbst unter 100 anderen Menschen wieder erkennen.
"Taehyung."
Ich zucke zusammen, als er sich hinter mir plötzlich regt und meinen Namen sagt, aber ich springe nicht auf und versuche auch nicht weg zu laufen, auch wenn es sich so anfühlt, als wäre ich dabei erwischt worden wie ich ihn gestalkt habe.
"Bist du noch wütend auf mich?", lallt er und schmiegt seine Wange noch tiefer in das Kissen. Er ist immer noch betrunken, aber er ist ja auch erst vier Stunden hier. So schnell kann er gar nicht wieder nüchtern sein, bei der Menge, die er anscheinend getrunken hat.
"Glaubst du wirklich, ich bin wütend?"
Ehe ich mich selber davon abbringen kann, habe ich bereits die Hand ausgestreckt und fahre mit meinen Fingern durch seine weichen Haare. Wie sehr ich doch dieses Gefühl vermisst habe. Wie sehr ich ihn vermisst habe.
"Warst du nicht wütend?", fragt er und entspannt sich mit jeder Sekunde mehr und mehr. Seine Worte sind schwer zu versehen. In seinem Zustand denkt er wahrscheinlich er redet normal, betrunkene merken nicht, dass sie betrunken sind und das kann jemand, der 13 Stunden lang auf dem Boden eines Fahrstuhls lag durchaus sagen.
Aber seine Frage ist gerechtfertigt. Ich kann nicht behaupten, dass ich nicht wütend war, denn das war ich, sonst hätte ich mich ihm gegenüber ja wohl nicht so verhalten.
"Anfangs ja. Ich war wütend auf dich, so wütend das ich dich nie wieder sehen wollte. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass die Enttäuschung viel größer war." Ich höre auf meine Finger in seinen Haaren zu bewegen und sehe ihn stattdessen nur an, genieße den Anblick, der mir all die Monate gefehlt hat. "Ich weiß, dass wir in keiner Beziehung waren, von daher kann das, was du getan hast nicht als Fremdgehen gewertet werden, aber trotzdem hat es sich so angefühlt. Danach dachte ich die ganze Zeit, du hättest mich nur als eine Art Zeitvertreib benutzt, bis jemand gekommen ist der besser darin war. Ich war verdammt enttäuscht. Da habe ich gemerkt, dass das für mich nicht nur ein Zeitvertreib war, nicht nur eine Phase oder nur eine Affäre. Ich habe dich geliebt, Jungkook."
Daran zurück denken zu müssen, was alles passiert ist, fühlt sich an, als würde ich bereits vernarbte Wunden wieder aufschneiden. Es ist ein verdammt scheiß Gefühl, aber ich kann es nicht hinter mir lassen, wenn ich nicht darüber rede.
Jimin hat mit alles erzählt. Die Geschichte von Jiyu, dass Jungkook denkt er schuldet ihr etwas und das er deswegen nicht imstande ist sie fallen zu lassen. Aber vor allem, hat er mir die Sache mit dem Gefängnis erklärt und das er glaubt, mir damit etwas gutes getan zu haben. Tatsächlich war das sogar so.
Wenn er mich damals nicht hätte verhaften lassen, dann hätte dieses Katz und Maus Spiel, in welches die Polizei und ich verwickelt waren, erst viel später aufgehört. Dann hätte ich mich eine ganze Weile länger verstecken müssen und wüsste jetzt nicht, wer meine Familie ist.
Dank Jungkook bin ich meiner Vergangenheit ein ganzes Stück näher gekommen.
"Es tut mir leid, Tae. Es tut mir so leid." Tränen laufen seine Wange hinunter und er hat mittlerweile die Augen geöffnet. "Ich wollte dir nie weh tun, das war nie meine Absicht."
Mir kommen bei diesem Anblick selber die Tränen, aber ich versuche ihn mit einem Lächeln zu trösten und wische ihm seine weg. "Ich weiß. Ich weiß es jetzt."
"Dann geh nicht wieder." Verzweiflung schwingt in seiner Stimme mehr als deutlich mit und seine Augen bringen das sogar noch überzeugender rüber als seine Worte. Wie sehr er mich vermisst hat, wie sehr er mich braucht, wird mir spätestens jetzt richtig bewusst.
"Weißt du was der Grund ist, warum ich bisher nicht zu dir zurück gekommen bin? Ich habe Angst, dass ich wieder von dir verletzt werde. Das du wieder bei ihr schwach wirst."
Ich brauche ihren Namen nicht zu sagen, damit er weiß wen ich meine. Es gibt immerhin nur eine Person, die infrage kommt. Außerdem möchte ich ihren Namen nicht aussprechen. Egal wie viel sie durchgemacht hat, egal wie leid sie einem auch tun mag, ich hasse sie dafür, dass sie versucht hat mir das wichtigste was ich hatte weg zu nehmen.
"Du brauchst keine Angst mehr haben", sagt er und legt jetzt auch seine Hand an meine Wange. Sanft fährt er mit dem Daumen drüber und wischt die Tränen weg, von denen ich nicht einmal wusste das ich sie vergossen habe. "Ich habe sie rausgeschmissen und als nächstes ist das Bett dran. Ich kaufe dir ein neues, ein größeres. Welches auch immer du willst."
Da spricht wieder der betrunkene aus ihm heraus. Das weiß ich, weil Jungkook in einer so ernsten Situation wie dieser niemals etwas so unpassendes sagen würde, aber genau das bringt mich zum lachen.
"So viel wärst du bereit für mich zu tun?", frage ich gespielt beeindruckt, aber er nickt nur und lässt seine Hand meinen Arm hinunter bis zu meiner wandern wo er unsere Finger ineinander verschränkt.
"Ich würde dir alles kaufen und ich würde dir alles von mir geben, selbst wenn ich selber dafür aufhören müsste zu existieren."
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